Nach dem letzten Testspiel gegen Betis Sevilla neigt sich die Vorbereitung dem Ende zu. Am kommenden Wochenende steht das erste Pflichtspiel, im DFB-Pokal in Cottbus, auf dem Plan. An dieser Stelle soll noch einmal ein Blick auf die Vorbereitung geworfen werden. Die Herangehensweise die das Team in den Testspielen auf dem Platz zeigte soll an dieser Stelle etwas näher betrachtet werden um sich ein Bild davon zu machen wie sich der VfB taktisch präsentierte.

Der Fokus auf Ballbesitz

Wie schon in der vergangenen Saison in Liga 2 präsentierte man sich in den Testspielen weitestgehend dominant, versuchte viel Ballbesitz zu verbuchen. Die grundsätzliche Herangehensweise wurde im vergleich zur Vorsaison nicht verändert, viel eher versucht man auf dem gelegten Fundament weiter aufzubauen.

Im Spielaufbau formiert sich der VfB in einer Art 3-2-4-1. Wie schon in der vergangenen Saison häufig zu beobachten war rückt Linksverteidiger Insua im eigenen Ballbesitz immer wieder in den hohen linken Halbraum um dort als weitere Anspielstation zu fungieren. Der nominelle 10er, auf dessen Rolle ich im weiteren Verlauf noch genauer eingehen werde, orientiert sich in diesem Zuge eher in den rechten Halbraum so dass eine Viererreihe im offensiven Mittelfeld entsteht. In der ersten Aufbaulinie formiert sich eine Dreierkette in der in der Regel der nominelle linke Innenverteidiger und der Rechtsverteidiger die Halbverteidiger der Dreierkette geben, der rechte Innenverteidiger spielt den zentralen Part der Dreierkette. Im Gegensatz zur letzten Saison sind die beiden Sechser etwas präsenter im Aufbauspiel eingebunden, erhalten weitaus mehr Bälle und drehen auch öfter selbst auf und spielen einen öffnenden Pass.

Wenn man den Presseberichten glauben schenkt, dann plant Trainer Hannes Wolf vermehrt die beiden bulligen Stürmer Terodde und Ginczek gemeinsam auf den Platz zu bringen. Jedoch nicht, wie man erwarten könnte, als Doppelspitze. Der Trainer selbst gab zu Protokoll dass eine Variante in der beide Spieler auf einer höhe agieren werden eher unwahrscheinlich ist. Das hat zur Folge dass in der Regel Ginczek tiefer als Terodde agiert und den nominellen 10er gibt. Wie man schon über weite Strecken der Rückrunde mit Gentner auf der 10 sehen konnte bevorzugt Wolf wuchtige, nachstoßende Spieler auf der 10, Spieler die immer wieder den Weg in die Tiefe gehen und, falls sich die Sturmspitze Terodde durch ausweichende Läufe auf den Außen in einen Angriff einbindet, den Strafraum besetzt. Dieser Typ Spieler ist weniger präsent in den Aufbau eingebunden, so dass die aus der letzten Saison bekannte Asymmetrie auch in der Vorbereitung zu finden war und man bevorzugt über die linke Seite aufbaut.

3-2-4-1 im Aufbau Sommervorbereitung 1718

Der Ballvortrag beginnt in der Regel durch ruhige Zirkulation in der Dreierkette, wo man mit Hilfe der beiden Sechser versucht Kaminski auf der linken Seite freizuspielen. Durch die hohe Positionierung von Insua im Halbraum zieht dieser gegen viele Mannschaften seinen Gegenspieler mit, so dass Kaminski in den vor ihm liegenden, unbesetzten Raum andribbeln kann. Löst sich der nominelle Flügelspieler des Gegners, so wird Insua als Anspielstation frei. Oft lässt sich auf der linke Flügelspieler des VfB, meistens Brekalo, an der Linie tief fallen um von Kaminski angespielt zu werden. In der Folge versuchen er und Insua durch kleinräumige Kombinationen, die oft von einem Sechser (Burnic) unterstützt werden, Durchbrüche zu erzeugen. An dieser Stelle müssen auch noch die guten Bewegungen von Brekalo erwähnt werden. Er stößt, wenn sich Insua in die Tiefe bewegt oder nach Außen fallen lässt, immer wieder gut in den Halbraum und bietet dem ballführenden Spieler eine Anspielstation. Hier glänzt er durch, für sein Alter, sehr gutes Timing und harmoniert allgemein sehr gut mit Insua.

Stellt der Gegner die Seite zu versucht man durch schnelle Verlagerungen den ballfernen Außenspieler, hier zeichnet sich Akolo als beste Besetzung ab, in 1:1 Situationen zu bringen. Ginczek orientiert sich in diesen Situationen schon früh weg vom rechten Halbraum in die Spitze. Das hat zwei Vorteile: auf der einen Seite sorgt er, in der Regel zusammen mit Terodde, für eine massive Präsenz im Strafraum die vor allem für Flanken benötigt wird, auf der anderen Seite öffnet der den Passweg aus dem linken Halbraum auf den rechten Flügel um den dortigen Flügelspieler in 1:1 Situationen zu bringen.

Im Testspiel gegen Huddersfield, die gegen den Ball mit einer Doppelspitze gegen die Aufbaudreierkette des VfB agierten, bekam Kaminsi durch einen der beiden Stürmer recht zügig Druck und konnte oft selbst nicht andribbeln. Hier ließ sich oft der linke Sechser, Burnic, bis zur Außenlinie rausfallen um für Kaminski anspielbar zu sein und der Folge aufzudrehen und den verwaisten Raum zu nutzen. Insua hatte auch in diesem Spiel durch seine hohe Positionierung einen zusätzlichen Spieler weit nach hinten gedrückt, so dass seine Kollegen diesen Raum im Spielaufbau nutzen konnten.

Probleme hatte der VfB vor allem im letzten Test gegen Betis. Hier ließ sich der Flügelspieler der Spanier durch die hohe Positionierung von Insua in der Regel nicht nach hinten drücken, so dass er den Raum zum andribbeln für Kamsinki versperrte. Durch geschickte Positionierung versperrte er gleichzeitig auch noch den Passweg für Kaminski auf Insua, so dass die präferierte Variante im Aufbau oft nicht genutzt werden konnte. Hier wurden, genau wie in anderen Spielen wenn einer der Aufbauspieler unter Druck geriet und sich nicht mehr flach lösen konnte, mit langen Bällen in den rechten offensiven Halbraum operiert, wo sich entweder mit Ginczek oder Terodde ein kopfballstarker, körperlich robuster Spieler positioniert der versuchte die Bälle festzumachen oder per Kopf in die Tiefe auf Akolo oder den startenden Stürmer zu verlängern.

Eine weitere Variante im Aufbauspiel, diese wird auch oft über die rechte Seite gespielt, ist das Anspiel des Verteidigers in den Zwischenlinienraum auf den nominellen 10er, den zurückfallenden Stürmer, oder auf der anderen Seite auf Insua. Der angespielte Spieler fungiert als Wandspieler und lässt den Ball direkt auf einen nachrückenden Sechser prallen, dieser sucht dann meistens mit einem Pass in die Tiefe einen startenden Außenspieler.

War Insua nicht auf dem Platz versuchte er die Asymmetrie oft spiegelverkehrt spielen zu lassen und testete verschiedene Spieler in der „Insua-Rolle“. Weder der getsetete Zimmer, noch Zimmermann konnten in dieser Rolle restlos überzeugen.

Gegenpressing um Konter zu unterbinden

Nach Ballverlusten in der offensive lässt sich das Team von Trainer Hannes Wolf nicht direkt fallen und versucht so schnell wie möglich hinter den Ball zu kommen, sondern geht direkt ins Gegenpressing über und versucht dadurch den Ball direkt wieder zu gewinnen und gegnerische Konter dadurch im Keim zu ersticken. Schlug das Gegenpressing in der vergangenen Rückrunde oft fehl da die Mannschaft nicht kompakt genug agierte und sich der Gegner durch einfache Vertikalpässe aus dem Druck lösen konnte hat man hier deutliche Fortschritte gesehen. Die verbleibenden drei Verteidiger und die beiden Sechser lassen sich nicht mehr unmittelbar nach Ballverlust fallen, ein Problem dass in der letzten Saison immer wieder für mangelnde Kompaktheit sorgte, sondern verteidigen jetzt mutiger vorwärts und sorgen damit dafür dass die Kompaktheit der Mannschaft bestehen bleibt.

Vor allem auf der linken Seite gab es einige direkte Ballrückeroberungen zu bestaunen. Neuzugang Burnic sticht hier durch sein gutes Timing beim herausrücken und dem daraus resultierenden Abfangen von Bällen immer wieder besonders ins Auge. Allgemein sorgt er durch seine hohe Spielintelligenz immer wieder für gute Staffelungen des VfB-Blocks die im Gegenpressing äußerst hilfreich sind.

Zugriff auf den Flügeln

Gegen den Ball zeigt der VfB ein hohes Mittelfeldpressing bei dem er den Gegner auf den Flügel drängen und dort Ballgewinne forcieren will. Hier wechselten sich der nominelle 10er und die Sturmspitze im bogenförmigen Anlaufen des ballführenden Innenverteidigers, je nach Seite, ab. Der andere Spieler verfolgt den gegnerischen Sechser mannorientiert. Daraus entstehen immer wieder 4-2-3-1 oder auch 4-4-1-1 Staffelungen gegen den Ball. Durch das bogenförmige Anlaufen des ballführenden IV wird dieser zur Seite gedrängt, wenn er seinen Außenverteidiger anspielt will der VfB Zugriff erzeugen und Ballgewinne verzeichnen. Hier rückt dann der Außenspieler aggressiv auf den ballführenden Außenverteidiger, den Passweg nach hinten auf den Innenverteidiger macht der Stürmer zu, der Sechser wird, wie bereits erwähnt, mannorientiert aus dem Spiel genommen und die VfB-Sechser rücken aggressiv auf sich fallen lassende Spieler raus. So werden im Idealfall alle ballnahen Anspielstationen abgedeckt. Wichtig ist dass der ballferne Flügelspieler des VfB auf den Pass auf den ballfernen Innenverteidiger spekuliert. Bleibt dieser offen, so kann sich der Gegner durch einen einfachen Pass aus dem Zugriff lösen. Positioniert sich der ballferne Außen des VfB jedoch zwischen ballfernem Außen-, und Innenverteidiger so ist auch diese Passoption abgedeckt. Gerade dieses Verhalten des ballfernen Außenspielers war zu Beginn der Vorbereitung noch relativ schlecht, wurde aber mit jedem Testspiel besser. Im Idealfall zwingt man den ballführenden Außenverteidiger in diesen Situationen zum unkontrollierten Befreiungsschlag, oder man verzeichnet einen vielversprechenden Ballgewinn.

4-2-3-1 4-4-1-1 gegen Ball Sommervorbereitung 1718

Probleme bekam der VfB oft wenn sich der gegnerische Sechser zwischen die Innenverteidiger fallen ließ um eine Dreierkette im Aufbau zu erzeugen. Hier agieren der Stürmer und der nominelle Zehner auf einer Linie und versuchen Druck auf die Dreierkette zu erzeugen. Oft rückte die restliche Mannschaft jedoch nicht konsequent genug nach, so dass sich ein Achter oder der Zehner einfach in den eigenen Sechserraum fallen lassen konnte um dort Anspiele zu erhalten und ungestört aufzudrehen. In diesen Fällen entstanden oft unvorteilhafte 4-4-0-2 Staffelungen und die Kompaktheit der Mannschaft hat nicht mehr gepasst durch das Loch zwischen der ersten und der zweiten Linie. Damit waren die beiden vorderen Spieler zu einfach aus dem Spiel genommen und man bekam keinen wirklichen Druck auf den gegnerischen Angriff.

Fazit

Wie bereits erwähnt gab es beim VfB im Vergleich zur vergangenen Rückrunde keine großen taktischen und strategischen Änderungen. Der VfB scheint weiterhin agieren statt reagieren zu wollen. Wer davon ausgegangen ist der VfB würde versuchen über seine schnellen Außenspieler zu kontern, der scheint sich getäuscht zu haben. Wolf will weiter in allen Phasen des Spiels dass seine Mannschaft dominant auftritt. Das zeigt sich auch daran dass offensichtlich weiter am Gegenpressingverhalten gearbeitet wurde und dass man sehr viel Wert auf hohe Intensität und passende Abläufe gegen den Ball legt.

Es wird interessant zu beobachten wie Wolf den Ausfall von Insua kompensieren will. Wie bereits erwähnt tat sich keiner der getesteten Außenverteidiger in der „Insua-Rolle“ hervor. Ein weniger asymmetrisches Spiel hat man in der Vorbereitung, mit Ausnahme der letzten halben Stunde gegen Betis Sevilla als eine bunt zusammengewürfelte Mannschaft auf dem Platz stand, eigentlich nicht gesehen.

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